Ketogene Diät




Wer abnehmen will, muss vor allem auf Fett verzichten, so lautet der Wahlspruch beinahe jeder Diät, egal ob es um eine langfristige Ernährungsumstellung oder eine kurze Crashdiät geht. Einen radikal anderen Kurs schlägt die ketogene Diät (auch Low Carb Diät/Lowcarb oder Anabole Diät) ein, bei der weitgehend auf Kohlenhydrate verzichtet wird, während fettes Essen ausdrücklich erlaubt ist. Bekannt geworden ist die ketogene Diät auch als „Atkins-Diät„. Die Formel „schlank durch Fett?“, unter der diese Diät häufig als extrem gesundheitsschädlich angegriffen wurde, trifft, obwohl man bei der Diät nicht wirklich von gesundem Essen sprechen kann, allerdings nicht den Kern des Diätansatzes. Es geht nicht in erster Linie darum, möglichst viel Fett mit der Nahrung aufzunehmen, sondern vielmehr die Aufnahme von Kohlenhydraten zu begrenzen. Der Überbegriff „Low Carb“-Diäten („wenige Kohlenhydrate“), zu denen auch die ketogene Diät zählt, trifft den Augenmerk dieser Diätform daher besser, es handelt sich also eher um eine Anti-Kohlenhydrate-Diät. Gleichzeitig wird auf eine ausreichende Aufnahme von Eiweiß (daher auch als Eiweißdiät bezeichnet) und von Kalorien geachtet, was in der Konsequenz zu einer fettreichen Ernährung führt. Im Gegensatz bspw. zur Blutgruppendiät gilt für jeden Abnehmwilligen also dieselbe Ernährungsempfehlung. Die ketogene Diät wird nicht nur zur Gewichtsabnahme, sondern auch als Therapie bei bestimmten Erkrankungen eingesetzt. Dabei ist es durchaus möglich, die Kalorienaufnahme hoch genug anzusetzen, um einen ungewollten Gewichtsverlust zu verhindern.

Diätpläne


Eine ketogene Diät verläuft immer in mehreren Phasen. Zunächst muss die Stoffwechselumstellung eingeleitet werden, anschließend wird die Zusammensetzung der Nahrung auf verschiedene Arten angepasst, bis das geeignete Niveau für die Kohlenhydrate gefunden ist. In der medizinischen Therapie werden Kalorienbedarf, Eiweißzufuhr und die erlaubte Menge an Kohlenhydraten auf der Basis von Blutbild und Therapieziel individuell für jeden einzelnen Patienten festgelegt. Die Umstellung erfolgt üblicherweise während eines stationären Klinikaufenthalts, anschließend wird der Patient mit einem strikten Diätplan nach Hause entlassen. Nicht medizinisch begleitete ketogene Diätformen wie die Atkins-Diät sehen dagegen während der Umstellungsphase eine Reduzierung der Kohlenhydrate auf 20g täglich, andere sogar auf 0g vor. Anschließend wird die Kohlenhydratzufuhr wöchentlich um 5g gesteigert und festgestellt, bis zu welchem Punkt noch eine weitere Gewichtsabnahme erfolgt. Die Kohlenhydratzufuhr sollte dann unterhalb dieses Pegels gehalten werden. Alternativ kann mit Hilfe der Messung der Ketonkörper im Urin festgestellt werden, bis zu welchem Punkt Ketose stattfindet, also die Umstellung des Stoffwechsels greift. Dies geschieht vor allem dann, wenn mit der Diät keine Gewichtsabnahme angestrebt wird. Es mag sich im ersten Moment leicht anhören, eine fette Diät zusammenzustellen. In der Praxis zeigt sich allerdings schnell, dass die meisten fetten Lebensmittel gleichzeitig auch viele Kohlehydrate enthalten. In Frage kommen daher hauptsächlich Fleisch, Fisch, Eier, viele Gemüsesorten sowie einige Milchprodukte und Wasser. Nicht oder nur in sehr geringen Mengen erlaubt sind dagegen Pasta, Kartoffeln, Brot, Obst, gesüßte Getränke und natürlich jegliche Art von Süßigkeiten. Mit dieser geringen Auswahl den Bedarf an Eiweiß, Vitaminen, Mineral- und Ballaststoffen zu decken, ist sogar noch schwieriger. Selbst bei Nahrungsergänzungsmitteln muss auf den Gehalt an Kohlehydraten geachtet werden. Insgesamt zeigt sich, dass eine ketogene Diät im Alltag nur schwer durchzuhalten ist und von den Anwendern äußerste Disziplin verlangt.

Die Funktionsweise der ketogenen Diät

Kohlenhydrate werden im menschlichen Körper in Form von Glykogen gespeichert und dienen als besonders schneller Energielieferant. Werden mit der Nahrung nicht ausreichend Kohlenhydrate zugeführt, greift der Organismus zunächst die Glykogenspeicher an, vornehmlich in der Leber. Sind diese verbraucht, muss er sich auf den sogenannten Hungerstoffwechsel umstellen. Dieser ist dadurch gekennzeichnet, dass die Leber Fettsäuren zu Ketonkörpern abbaut, welche ebenso wie Glykogen als Energielieferant dienen können. Der Abbau der Fettsäuren ist im Körper nicht umkehrbar, so dass ungenutzte Ketonkörper nicht wieder gespeichert werden können, sondern ausgeschieden werden. Ketonkörper können im Urin nachgewiesen werden. Sie dienen als Beleg für die Stoffwechselumstellung in den Zustand der Ketose. Durch den Entzug von Kohlenhydraten erzwingt eine ketogene Diät also die Nutzung von Fetten zur Energiegewinnung. Eine ketogene Diät ist schon wegen der notwendigen Stoffwechselumstellung grundsätzlich auf längerfristige Anwendung ausgelegt, typisch sind Zeiträume von drei Monaten bis zu zwei Jahren. Bei ausreichender Kalorienzufuhr kann sie auch dauerhaft angewandt werden.

Risiken und Nebenwirkungen der ketogenen Diät

Die Stoffwechselumstellung geht mit einigen Risiken einher. Lebensgefährlich ist beispielsweise eine Ketoazidose, also die Übersäuerung des Blutes durch die Ketonkörper. Auch bisher unerkannte und bei normaler Ernährung ungefährliche Stoffwechselerkrankungen können nach der Ernährungsumstellung plötzlich zutage treten. Weniger gefährlich, aber durchaus unangehm können sich anfangs starke Verdauungsstörungen bemerkbar machen. Zu den milderen Nebenwirkungen einer ketogenen Diät zählt die Veränderung von Mund- und Körpergeruch, welcher häufig als unangenehm empfunden wird. Durch ausreichendes Trinken lässt sich das Problem jedoch eindämmen. Eine große Schwierigkeit liegt zudem darin, dass „ein bisschen“ ketogene Diät nicht möglich ist, denn Ketose findet erst statt, wenn die Glykogenspeicher leer sind. Häufig wird von „Fressattacken“ berichtet, welche durch hohe Kohlenhydratzufuhr die Ketose unterbrechen und eine erneute Stoffwechselumstellung mit allen damit verbundenen Risiken notwendig machen.

Die Geschichte der ketogenen Diät

Bereits im 19. Jahrhundert nahm der Bestattungsunternehmer William Bantling mit Hilfe einer ketogenen Diät innerhalb eines Jahres 23 Kilogramm ab und schrieb als gewiefter Geschäftsmann ein Buch über seine Erfahrungen, durch das seine Bantling-Diät in England äußerst populär wurde. Unabhängig davon entdeckten Ärzte in den 1920er Jahren das Potential einer ketogenen Diät zur Behandlung von Epilepsie, gegen die es damals erst zwei medikamentöse Therapien gab, welche längst nicht bei jedem Patienten anschlugen. Mit der Entwicklung weiterer Medikamente und Therapien in den folgenden Jahrzehnten wurde die ketogene Diät weitgehend aus der medizinischen Anwendung verbannt. Erst in den 1970er Jahren wurde sie vor allem zur Behandlung von Kindern vor Eintritt in die Pubertät wieder populär. Zur gleichen Zeit entwickelte der amerikanische Kardiologe Dr. Robert Atkins die nach ihm benannte Atkins-Diät, die ebenfalls auf dem Prinzip einer ketogenen Diät beruht. Er löste damit in den USA einen Blitzdiät-Boom aus, der erst Ende der 1990er Jahre wieder abebbte. Sowohl der medizinische Einsatz als auch die ernährungswissenschaftliche Kritik an der Atkins-Diät und anderen vergleichbaren Diätformen führten dazu, dass in den letzten Jahren vermehrt wissenschaftliche Studien zu Wirkungsweise und Nebenwirkungen durchgeführt werden, um gesundheitlichen Nutzen und Risiken gegeneinander abzuwägen. Die Ergebnisse sind zum Teil sehr unerwartet ausgefallen. Erschwert wird eine sachliche Diskussion dadurch, dass auf Seiten der Gegner wie der Befürworter häufig unbewiesene Vermutungen und der „gesunde Menschenverstand“ herangezogen und die neueren wissenschaftlichen Erkenntnisse ignoriert werden.

Die Kritik an der ketogenen Diät im Licht neuerer medizinischer Erkenntnisse

Die ketogene Diät weicht so radikal von den Empfehlungen aller modernen Ernährungstheorien ab, dass sie zunächst auf erbitterten Widerstand von Ärzten und Ernährungswissenschaftlern stieß. Eine so fette Ernährung müsse zu extrem hohen Cholesterinwerten und einem stark erhöhten Risiko für Herz- und Kreislauferkrankungen führen, meinten sie. Die Verfechter der ketogenen Diät argumentierten dagegen, dass der Urmensch als Jäger und Sammler bereits auf eine solche Ernährung eingestellt war und sich unser Stoffwechsel seither nicht wesentlich verändert hat. Bei Stammeskulturen, die heute noch als Jäger und Sammler leben und folglich einer ketogenen Ernährung folgen, sind Herz- und Kreislauferkrankungen weitgehend unbekannt. Tatsächlich belegen Studien über das Herzinfarktrisiko und die Cholesterinwerte von Personen, welche einer ketogenen Diät folgen, dass ihre Cholesterinwerte sogar geringfügig besser sind als die der Durchschnittsbevölkerung. Auch ein erhöhtes Herzinfarktrisiko konnte nicht festgestellt werden. Häufig findet sich die Aussage von Kritikern, das Gehirn sei unbedingt auf Glykogen als Energielieferanten angewiesen. Eine ketogene Diät müsse daher unausweichlich zu Konzentrationsschwäche und dauerhafter Leistungsminderung führen. Tatsächlich werden während der Umstellungsphase Leistungsabfall und Müdigkeit beobachtet, die jedoch nach Eintritt der Ketose von selbst verschwinden. Damit scheint bewiesen, dass die Ketonkörper das Glykogen auch im Gehirn ersetzen können. Wesentlich weniger eindeutig lässt sich bislang die Frage klären, ob der hohe Eiweißgehalt einer ketogenen Diät die Nieren schädigt, was einige Befürworter bestreiten. Unter strenger Kontrolle in jedem Fall zu befürworten ist der Einsatz einer ketogenen Diät bei Kindern mit schwerer Epilepsie, die auf medikamentöse Behandlung nur unzureichend ansprechen. In den USA wird die ketogene Diät seit kurzem auch offiziell zur Behandlung von bestimmten Formen der Diabetes empfohlen. Bei krankhaftem Übergewicht kann die Diät ebenfalls langfristige Erfolge zeigen. Auch hier wird jedoch ärztliche Begleitung und regelmäßige Kontrolle des Blutbilds dringend empfohlen. Leider sind in Deutschland Mediziner, welche Erfahrungen mit dieser Diät haben und ihrem Einsatz positiv gegenüber stehen, bisher außerhalb der Epilepsietherapie nur selten anzutreffen. Impressum